Feuerschiffe erklärt
Die Grundidee
Ein Feuerschiff — englisch Lightship oder Lightvessel — ist ein verankertes Schiff, das die Funktion eines Leuchtturms übernimmt. Die Grundidee ist ebenso naheliegend wie die Herausforderungen zu ihrer Umsetzung erheblich: Man nehme ein seetüchtiges Schiff, male es auffällig rot (oder manchmal schwarz oder schwarz-weiß), montiere eine Laternenstube auf einem erhöhten Mast, installiere ein Nebelhorn und eine Ankerleine — und verankere das Ganze dauerhaft über einer Sandbank, einem Tiefwasserriff oder einem Tiefeneingang, wo kein fester Grund für ein Fundament erreichbar ist.
Die erste britische Feuerschiff-Station wurde 1732 bei der Nore-Sandbank in der Themsemündung ausgelegt — einem der gefährlichsten Flachgewässer Englands, durch das der gesamte Londoner Seehandel passieren musste. Das Schiff war ein umgerüsteter Handelskahn mit einer einfachen Öllaterne. Es war schlecht. Der Anker trieb ab, die Laterne erlosch bei Wind, und die Crew litt unter extremer Isolation. Aber die Grundstruktur war da, und über die nächsten zwei Jahrhunderte wurde sie verfeinert.
Technik und Betrieb
Feuerschiffe der Reife-Ära — von etwa 1850 bis zur Automatisierung im späten zwanzigsten Jahrhundert — waren stark spezialisierte Fahrzeuge. Der Rumpf war breiter und flacher als bei normalen Seeschiffen, um Stabilität bei Anker zu bevorzugen; der Bug war oft rund, um Schläge von Wellen zu verteilen. An Deck stand der charakteristische rote Schornstein und ein oder zwei Laternenmasten, auf deren Tops die Lichtanlage montiert war.
Die Bemannung eines britischen Feuerschiffs in der Vorautomatisierungs-Ära lag typisch bei acht bis dreizehn Mann, die in Wachsystemen arbeiteten — ähnlich dem Leuchtturmdienst an Land, aber mit dem zusätzlichen Element, dass das Schiff sich bewegte: nicht unbeabsichtigt, denn es war ja verankert, aber die natürliche Bewegung durch Wellen und Tide war allgegenwärtig. Seekrankeit war nicht selten. Ablösung geschah in der Regel alle vier Wochen, sofern das Wetter es erlaubte.
Die Ankerleine war das kritische Element. Sie musste schwer genug sein, um in schwerem Wetter zu halten, flexibel genug, um die Bewegungen des Schiffs zu tolerieren, und kurz genug, um zu verhindern, dass das Schiff weit vom Standort abtrieb. Ein verlorengehender Anker bedeutete, dass das Feuer verschwand — genau in dem Moment, wenn Stürme am gefährlichsten waren und Schiffe die Orientierung am nötigsten hatten.
Verankerte Stationen und ihre Namen
Feuerschiff-Positionen wurden nach den Untiefenmerkmalen benannt, die sie markierten. Der Lightvessel Goodwin, der die berüchtigten Goodwin Sands vor der Küste von Kent in England markierte — ein Sandbank-Komplex, der Hunderte von Schiffen verschlang — war eine der meistfrequentierten Stationen. The Nore, Tongue Sand, Varne, South Falls, Royal Sovereign: Die Namen lesen sich wie ein Atlas der englischen Küstengefahr.
In den amerikanischen Gewässern hatten Feuerschiffe ähnliche Stationen. Die Nantucket Shoals Lightship, seit 1854 auf Station, war das erste Warnzeichen für Schiffe, die den Nordatlantik überquerten und Boston, New York oder den Chesapeake Bay anliefen; sie galt als einer der einsamsten Dienste, die die US Lighthouse Service vergibt. Der Ambrose Lightship am New York Bight, die Columbia River Lightship an der Oregon-Küste, und die Overfalls Lightship in der Delaware Bay sind andere klassische Stationen.
Auf der deutschen Nordseeküste standen Feuerschiffe an den Zugängen zur Elbe und Weser sowie auf der Außenweser-Route. Das historische Feuerschiff Elbe 1 — heute als Museumsschiff im Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven zu besichtigen — hielt die Station am Außeneingang der Elbe besetzt, wo die Route von den Nordseehafen nach Hamburg beginnt. Es wurde 1988 außer Dienst gestellt, als Leuchtbojen und GPS die Station übernahmen.
Gefährdung: Kollisionen und Stürme
Das Feuerschiff war in einer paradoxen Lage: Es markierte eine Gefahr für andere Schiffe, war aber selbst ein Hindernis. Bei schlechter Sicht oder Navigationsfehler konnte ein zulaufendes Schiff das Feuerschiff selbst rammen. Solche Kollisionen ereigneten sich nicht selten.
Am 20. November 1954 wurde das britische Feuerschiff Nore von dem Frachtschiff Baalbek in dichtem Nebel gerammt und sank — alle Besatzungsmitglieder überlebten, aber das Schiff ging verloren. Das amerikanische Feuerschiff Nantucket Lightship No. 117 wurde am 15. Mai 1934 im Nebel von dem Transatlantikliner RMS Olympic — einem Schwesterschiff der Titanic — gerammt und sank; sieben der Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.
Die Nantucket Shoals Station war auch Schauplatz eines der berühmtesten Feuerschiff-Dramen: Am 4. März 1956 wurde das damals auf Station liegende Feuerschiff WAL-533 von dem Tanker SS Sword Knot gerammt, der im dichten Nebel seinen Kurs verloren hatte. Das Feuerschiff sanft, sechs der Crew überlebten; auch das Schiff, das es rammte, sank kurz darauf.
Der Übergang zu Leuchtbojen und automatisierten Plattformen
Der Rückgang der Feuerschiffe begann in den 1960er Jahren und beschleunigte sich mit der Verfügbarkeit von Großbatterie-Leuchtbojen (sogenannte Large Automatic Navigation Buoys, LANBYs) und später mit GPS. Diese Systeme konnten eine ähnliche Warnfunktion zu einem Bruchteil der Betriebs- und Personalkosten übernehmen.
Das britische Trinity House stationierte sein letztes bemanntes Feuerschiff 1987. In den USA beendete die US Coast Guard den regulären Feuerschiff-Dienst 1985. In Deutschland und Skandinavien war die Umstellung ähnlich schnell. Innerhalb weniger Jahrzehnte waren die bemannten Feuerschiffe fast vollständig verschwunden — ersetzt durch robotische Bojen, die kein Personal brauchen, sich aber auch nicht um die Besatzung kümmern können, wenn ein Schiff in Schwierigkeiten gerät.
Die Funktion blieb: Die Nantucket Shoals werden noch immer markiert, nur jetzt durch eine schwimmende Boje mit einer Lichtstärke, die weit geringer ist als die der früheren Feuerschiffe, aber für GPS-navigierende Schiffe ausreicht. Die menschliche Verbindung — die Wache in der Dunkelheit, der Koch in der Achterkojen, der Funker, der Schiffsnachrichten entgegennimmt — ist weg.
Museumsschiffe und Erhaltung
Eine Reihe von Feuerschiffen wurde erhalten und liegt heute als Museumsschiff in Häfen. Das Lightvessel 93 (Ambrose) liegt im South Street Seaport Museum in Manhattan und ist täglich zugänglich. Das Lightvessel Elbe 1 ist Teil des Deutschen Schiffahrtsmuseums in Bremerhaven und kann auf organisierten Führungen besichtigt werden. Das irische Feuerschiff Kittiwake in Dublin, das die Codling Bank in der Irischen See markierte, ist erhalten, wenn auch nicht dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich.
Im britischen Harwich liegt das Feuerschiff Lightvessel Trinity — ein viktorianisches Fahrzeug, das an der Stour-Mündung vertäut ist und von der Harwich Society unterhalten wird. Das bekannteste britische Museumsschiff dieser Art ist das Feuerschiff Helwick, das in Swansea Dock liegt und von Ehrenamtlichen gepflegt wird.
Feuerschiffe im Kontext der Navigation
Um Feuerschiff-Stationen und ihre Bedeutung für die Küstenschifffahrt besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Tiefe der Wasserstraßen, die sie bewachten. Auf der interaktiven Karte von lighthouseworldmap.com sind sowohl aktive Leuchttürme als auch historische Standorte verzeichnet; die Karte illustriert, wie dicht Feuer und Bojen an besonders gefährlichen Küstenabschnitten gesetzt wurden — und warum gerade dort, wo kein fester Turm möglich war, ein verankertes Schiff die einzige Lösung darstellte.
Die Geschichte der Feuerschiffe ist die Geschichte einer pragmatischen Lösung für ein unlösbares Problem: Wie warnt man Schiffe vor einem Riff, auf dem kein Leuchtturm stehen kann? Die Antwort war, ein Schiff dauerhaft dort zu verankern, wo kein Fundament war — und dort Menschen zu stationieren, die das Licht am Brennen hielten, Jahrzehnt für Jahrzehnt, bei jedem Wetter.