Berühmte Leuchtturmrettungen
Die Nacht der Forfarshire
Am 7. September 1838 trieb der Raddampfer Forfarshire bei einem schweren Nordsturm auf die Farne Islands vor der Küste Northumberlands. Der Dampfkessel des Schiffes hatte versagt; das Schiff war manövrierunfähig und schlug gegen die Harcar-Felsen. Von den 63 Menschen an Bord kamen 43 ums Leben – entweder sofort beim Aufprall oder durch die nachfolgenden Wogen.
Was folgte, wurde zu einer der bekanntesten Rettungsgeschichten der britischen Geschichte. Vom Longstone Lighthouse auf den Outer Farne Islands aus beobachtete Grace Darling, die 22-jährige Tochter des Leuchtturmpflegers William Darling, das Wrack und die überlebenden Menschen auf dem Felsen. Ihr Vater zögerte angesichts der Seeverhältnisse. Grace drängte ihn zum Handeln, und gemeinsam ruderten sie in einem offenen Coble-Boot – einem flachen, wendigen Fischerboot – durch die Brandung zu den Überlebenden.
Grace Darlings Rudern
Der Weg zur Forfarshire war weniger als eine Seemeile, aber in dem aufgewühlten Meer zwischen den Fels-Inseln war jeder Meter gefährlich. Vater und Tochter ruderten abwechselnd, wobei Grace während des Anlegen-Manövers an den Felsen das Boot mit eigenen Rudern in Position hielt, während ihr Vater fünf der neun Überlebenden in das Boot hob. Dann ruderten sie zurück zum Leuchtturm, wo Grace bei den Geretteten blieb, während ihr Vater mit zwei der stärksten der Geretteten für die verbleibenden vier zurückfuhr.
Das Echo dieser Tat in der britischen Öffentlichkeit war sofort und überwältigend. Grace wurde zum nationalen Idol. Briefe, Gedichte und Porträtaufträge trafen in Longstone ein. William Wordsworth schrieb ein Gedicht über sie. Queen Victoria schickte eine Spende von 50 Pfund. Grace selbst war mit dem Ruhm offensichtlich unwohl und blieb auf Longstone – sie starb vier Jahre später, 1842, an Tuberkulose, im Alter von 26 Jahren.
Das Longstone Lighthouse und sein Erbe
Das Longstone Lighthouse, auf dem Grace Darling aufgewachsen war, wurde 1826 nach einem Entwurf von Joseph Nelson gebaut. Der Turm ist 26 Meter hoch und sendet noch heute ein rotes und weißes Blinkfeuer mit einer Reichweite von 24 Seemeilen. Er wird von Trinity House automatisch betrieben. In Bamburgh, an der Küste gegenüber, gibt es ein Grace Darling Museum, das von der Royal National Institution for the Preservation of Life from Shipwreck – dem heutigen RNLI – unterstützt wird.
Ihr Grab befindet sich auf dem Kirchhof von Bamburgh, markiert durch ein aufwendiges Denkmal von Anthony Salvin aus dem Jahr 1844, das eine schlafende Figur der Grace mit einem Ruder darstellt.
Ida Lewis und der Lime Rock Lighthouse
In Newport, Rhode Island, wurde Ida Lewis zur amerikanischen Entsprechung von Grace Darling. Lewis wuchs auf dem Lime Rock Lighthouse auf, wo ihr Vater der erste Keeper war, und übernahm de facto die Pflichten des Leuchtturms, als ihr Vater 1857 einen Schlaganfall erlitt, bereits kurz nach ihrer Kindheit. Sie wurde 1879 offiziell zur Keeperin ernannt.
Lewis führte über ihre Laufbahn hinweg mehr als 18 dokumentierte Rettungen durch, die erste im Jahr 1858. In jenem Jahr rettete sie vier junge Männer, die mit einem Segelboot umgekippt waren, indem sie allein hinausruderte. 1869 rettete sie zwei betrunkene Soldaten, die von einem Boot gefallen waren. Ihre bekannteste Rettung vom Februar 1869, bei der sie trotz ernsthafter Kälte zwei Schafscherer aus dem Eis holte, brachte ihr den Harper's Weekly-Bericht und nationale Aufmerksamkeit. Der US-Kongress verlieh ihr eine Goldmedaille für Tapferkeit – zu jener Zeit eine der höchsten zivilen Auszeichnungen, die vergeben wurden.
Rettungen vom Minots Ledge
Der erste Minots Ledge Lighthouse vor Cohasset, Massachusetts, war eine Schraubpfahlkonstruktion aus Gusseisen – ein Typ von Turm, der für flache Gewässer entwickelt wurde und auf eisernen Pfählen stand, die in den Fels getrieben wurden. Am 16. April 1851 wütete ein Nordeaster vor der Küste; die Pfähle hielten nicht stand. Der Turm stürzte ins Meer, und die beiden Hilfswärter John Bennett und Joseph Wilson, die in ihm Dienst taten, kamen ums Leben. Man hörte laut den Überlieferungen die Glocke des Turms bis kurz vor dem Einsturz läuten – die Männer alarmierten, so lange sie konnten.
Der Ersatzbau, ein massiver Granitturm, wurde 1860 fertiggestellt. Seine Lichtcharakter ist Gruppe-2-Blinkend in periodischen Abständen, ein Rhythmus, der von lokalen Fischern als „I love you" gelesen wurde – der Turm trägt seitdem informell den Spitznamen „Lovers' Light".
Das Wrack der Duncan Dunbar und das Cape Byron Rescue
Am 6. August 1857 lief der britische Emigrantendampfer Dunbar bei der Einfahrt in den Hafen von Sydney auf die Klippen unterhalb des Hafeneingangs auf. 122 Menschen kamen ums Leben; ein einziger Überlebender, der Matrose James Johnson, konnte sich auf einem Felsvorsprung retten. Das Wrack war ein unmittelbarer Anstoß für den Bau des South Head Lighthouse in Sydney, das noch im selben Jahrzehnt errichtet wurde.
Am Cape Byron in New South Wales, dem östlichsten Punkt Australiens, wurden in den Jahren nach der Inbetriebnahme des Leuchtturms 1901 mehrfach Rettungen koordiniert – der Keeper und sein Team konnten von der erhöhten Position aus Schiffe in Not erkennen und Rettungsboote alarmieren, bevor die Telefon- und dann Radiokommunikation diese Funktion übernahm.
Die strukturelle Rolle der Leuchttürme bei Rettungen
Diese Episoden zeigen eine Funktion der Leuchttürme, die oft vergessen wird: Als bewohnte Beobachtungspunkte waren sie die einzigen Orte an exponierter Küste, von denen aus jemand rund um die Uhr Ausschau halten konnte. Die Keeper und ihre Familien lebten in der Regel mit dem Meer als direktem Blickfeld. Sie hörten Schüsse, sahen Raketen, und konnten reagieren – oft schneller als jede andere Instanz.
Die Automatisierung der meisten westlichen Leuchttürme in den 1980er und 1990er Jahren hat diese menschliche Beobachtungsfunktion beendet. Die meisten Seenotrettungsdienste sind seitdem professioneller und besser ausgerüstet als je zuvor – aber die stille Rolle der Leuchtturmwärter als erste Reaktionskraft an exponierten Küsten ist damit Geschichte.
Die Standorte der in diesem Text erwähnten Leuchttürme lassen sich auf der interaktiven Karte nachverfolgen und in ihrem geografischen Kontext verstehen.