Leuchttürme und Vogelzug
Das Licht als Falle
Im Herbst 1901 notierte Henry Ridout auf dem Lightship Outer Dowsing vor der Lincolnshire-Küste: «Während der Nacht fielen Vögel in Massen aufs Deck. Stare, Rotkehlchen, Goldammer — viele tot, die anderen erschöpft und orientierungslos. Das Licht schien sie anzuziehen wie eine Flamme die Motten.» Diese Art von Beobachtung war keine Seltenheit. Leuchtturmwärter und Besatzungen von Feuerschiffen im gesamten 19. und frühen 20. Jahrhundert berichteten regelmäßig über massenhaftes Vogelsterben an Leuchttürmen, besonders bei Zugwetter mit Nebel oder Regen.
Was damals als merkwürdiges Kuriosum galt, ist heute ein gut verstandenes Phänomen mit ernsthaften Konsequenzen für den Vogelschutz. Und die Leuchttürme, die zunächst als Todesfallen erschienen, wurden durch das Engagement von Ornithologen zu einigen der wertvollsten Beobachtungsstandorte der Welt.
Öffne die Karte, um Leuchtturm-Standorte zu erkunden, die als bedeutende Vogelbeobachtungspunkte bekannt sind.
Warum Licht Zugvögel anzieht
Vögel orientieren sich beim Nachtzug nach dem Sternenhimmel, dem Magnetfeld der Erde und topografischen Leitlinien wie Küstenlinien und Flusstälern. Bei bedecktem Himmel, in Regen oder Nebel fällt die Sternennavigation aus. Ein leuchtendes Gebäude — oder ein rotierender Leuchtturmstrahl — bietet dann den einzigen Fixpunkt in der Dunkelheit. Vögel fliegen auf das Licht zu, kreisen um die Laterne, werden desorientiert und kollidieren mit dem Turm, dem Gitterwerk des Laternenraums oder schlicht mit anderen Vögeln. In Nächten mit dichtem Nebel und starkem Zuggeschehen können Hunderte oder sogar Tausende von Vögeln an einem einzigen Leuchtturm zu Schaden kommen.
Moderne Forschung zeigt, dass vor allem das dauerhaft strahlende oder langsam drehende Licht das gefährlichste ist; ein schnell rotierendes Feuer mit kurzen Blitzen ist weniger verlockend als ein gleichmäßig leuchtendes oder langsam pulsierendes. Der Übergang von alten Glühlampen-Drehleuchtfeuern zu modernen LED-Blitzfeuern hat das Risiko an manchen Stationen deutlich verringert.
Die Vogelwarte Helgoland
Die deutschen Vogelwarte Helgoland, gegründet 1910, ist die älteste Vogelforschungsstation Deutschlands und eine der einflussreichsten in Europa. Helgoland, die einzige deutsche Hochseeinsel, liegt im Migrationsweg für Millionen von Vögeln, die entlang der Ostatlantikroute zwischen Skandinavien, den Britischen Inseln und Westafrika ziehen. Der Leuchtturm Helgoland (1902 errichtet, 34 Meter hoch, Lichtcharakter: Gruppenblitz, Tragweite 20 Seemeilen) steht im Zentrum dieses Zuggeschehens.
Die Vogelwarte hat seit ihrer Gründung Millionen von Vögeln beringt und die Zugbiologie zahlreicher europäischer Arten maßgeblich mitgeprägt. Im Herbst können an einem einzigen Zugmorgen Zehntausende von Kleinvögeln auf der Insel rasten — Trauerschnäpper, Rotkehlchen, Goldhähnchen, Laubsänger —, und Seltenheiten aus Sibirien und Nordamerika machen Helgoland zu einem Pilgerziel für Vogelbeobachter aus ganz Europa.
Fair Isle Bird Observatory, Shetland
Fair Isle, die am weitesten abgelegene bewohnte Insel Großbritanniens, liegt auf halbem Weg zwischen den Orkney- und den Shetland-Inseln. Ihr Leuchtturm am Südufer (South Lighthouse, 1892, David und Thomas Stevenson, 26 Meter) und der North Lighthouse (1892, ebenfalls Stevenson) markieren die Insel, die 2002 auf 'automatischen Betrieb umgestellt wurde. Das Fair Isle Bird Observatory, gegründet 1948 vom Pionier-Ornithologen George Waterston, ist eine der bekanntesten Ringwarten der Welt. Die Insel liegt genau im Zugweg zwischen Skandinavien und Westeuropa und registriert jährlich mehr Raritäten als fast jeder andere Standort in Großbritannien.
Heligoland-Käfig und das «Atlas»-Fangprinzip
An der Vogelwarte Helgoland wurde der sogenannte Helgoland-Trichter entwickelt — ein trichterförmig sich verengender Zaun aus Netzen, der in Büsche und Hecken führt und Vögel schonend in eine Fangkammer leitet. Dieses Design, perfektioniert auf Helgoland, wurde an Hunderten von Beringungsstationen weltweit übernommen. Viele dieser Stationen befinden sich auf Leuchtturminseln, weil dort die Rastbedingungen für Zugvögel besonders konzentriert sind — Büsche und Hecken auf kahlen Inseln wirken wie Magnete für erschöpfte Kleinvögel.
Bird Island Lighthouses, Falklandinseln
Das gegenteilige Extrem — nicht eine von Zugvögeln überwältigte Insel, sondern ein Brutplatz von außerordentlicher Bedeutung — bieten die Falklandinseln. Mehrere Leuchtturminseln dort, darunter die Inseln um Cape Pembroke (Leuchtturm 1855, 24 Meter), sind Brutgebiete für Schwarzbrauen-Albatross, Rockhopper-Pinguin und den Magellan-Pinguin. Der Schutzstatus, der an den Leuchtturmbetrieb geknüpft war, hat über Jahrzehnte dazu beigetragen, dass Raubtiere ferngehalten wurden.
Montauk Point und der atlantische Vogelzug
Montauk Point Lighthouse (1797, John McComb Jr., 37 Meter, das älteste Leuchtfeuer in New York State) an der Ostspitze Long Islands liegt genau auf dem Korridor des atlantischen Herbstzugs. Von Mitte September bis Anfang November ziehen hier Sperber, Merlin, Wanderfalke, Kurzschnabelgans und Hunderte von Kleinvogelarten vorbei. Die Point überragende Geländekuppe — heute Teil eines State Park — ist ein beliebter Hawk-Watch-Standort; der Leuchtturm selbst, aktiv mit einer Fourth-Order-Linse (Blitzcharakter alle 5 Sekunden, Tragweite 19 Seemeilen), ist offen für Besucher.
Lichtreduzierung als Schutzmaßnahme
In den 1990er Jahren begannen Naturschutzbehörden in Kanada und den USA damit, die Intensität von Leuchtturmlichtern während der Hauptzugzeiten zu reduzieren und rotes oder orangefarbenes Licht anstelle von weißem zu verwenden, wo technisch möglich. Rotes Licht ist für Zugvögel weniger attraktiv als weißes oder grünes.
In New York City wurde das «Lights Out»-Programm erfolgreich auf Hochhäuser ausgedehnt; eine ähnliche Logik gilt für Leuchttürme, wenngleich ihre Betriebssicherheitsfunktion absolute Priorität hat. Moderne LED-Leuchtfeuer, die mit kurzen, sehr hellen Blitzen arbeiten und keine kontinuierliche Strahlung zwischen den Blitzen erzeugen, haben das Problem in vielen Fällen entschärft.
Leuchtturmwärter als erste Ornithologen
Lange bevor es professionelle Vogelwarten gab, waren Leuchtturmwärter die ersten systematischen Beobachter des Vogelzugs. Das British Ornithologists' Union verteilte ab den 1880er Jahren Fragebögen an Leuchtturmwärter und Feuerschiff-Besatzungen in ganz Großbritannien und Irland. Die Antworten, gesammelt und ausgewertet von John Cordeaux und William Eagle Clarke, bildeten die Grundlage für «Migration of Birds, Illustrated by Observations at British Lighthouses and Lightships» (1912) — eines der Gründungswerke der wissenschaftlichen Zugvogelkunde. Ohne die detaillierten Aufzeichnungen der Wärter, die in Isolierung lebten und Zeit hatten, jede Begegnung mit einem ungewöhnlichen Vogel zu notieren, wäre dieses Werk nicht entstanden.
Zugvogelschutz heute
Die International Dark-Sky Association und spezielle Vogelschutz-NGOs wie der NABU in Deutschland und das RSPB in Großbritannien setzen sich für die Reduzierung von Lichtverschmutzung an Küstenstandorten ein. Für historische Leuchttürme, die unter Denkmalschutz stehen, ist eine vollständige Umrüstung oft nicht möglich. Aber moderne automatisierte Stationen können mit zeitgesteuerten Blendschutzvorrichtungen und richtungsselektiver Beleuchtung ausgestattet werden, die das Risiko für Zugvögel senken, ohne die Leuchttürme als Navigationshilfe zu beeinträchtigen.