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Polare und arktische Leuchttürme

Am Rand der Navigationswelt

Nördlich des 70. Breitengrads ändert sich die Logik der Leuchttürme grundlegend. Im arktischen Winter gibt es kein Tageslicht, und jedes Feuer brennt im Vollständigen Dunkel; im arktischen Sommer gibt es kein Dunkel, und ein Leuchtfeuer ist gegen die Mitternachtssonne unsichtbar. Das Eis schiebt sich gegen die Fundamente der Türme; die Temperatur fällt auf minus 40 Grad und darunter; Vereisungen verstopfen die Optik, der Mechanismus der Drehlinse friert ein.

Dennoch gibt es Leuchttürme in der Arktis — in Norwegen, Russland, Canada, Alaska, Island und auf Spitzbergen. Ihre Geschichte ist eine Geschichte extremer Ingenieursleistung und extremer menschlicher Belastung. Öffne die Karte, um die Standorte polarer Leuchtfeuer zu erkunden und ihre Lage im Kontext der arktischen Schifffahrtsrouten zu verstehen.

Muckle Flugga, Shetland

Nicht ganz arktisch, aber nördlicher als die meisten Menschen vermuten, liegt Muckle Flugga — das nördlichste Leuchtfeuer Großbritanniens, erbaut 1858 von David und Thomas Stevenson auf einem Felsen mit steil abfallenden Wänden nördlich von Unst, der nördlichsten der Shetland-Inseln. Der Turm ist 20 Meter hoch, steht aber auf einem Felsen, der selbst 45 Meter über dem Meer aufragt, sodass die Laterne auf rund 65 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Lichtcharakter: Weißblitz alle 20 Sekunden, Tragweite 22 Seemeilen.

Die Baugeschichte von Muckle Flugga ist dramatisch: Der ursprüngliche provisorische Leuchtturm wurde 1854, mitten im Krimkrieg, in neun Wochen gebaut, weil ein Konvoi von Kriegsschiffen diese Route nutzte. Der permanente Turm folgte 1858. Die Automatisierung erfolgte 1995; der letzte Wärter, der auf dem unwirtlichsten Felsen Großbritanniens gelebt hatte, war einer der letzten seiner Art im ganzen Land.

Hornøya, Varanger (Norwegen)

Hornøya, eine Insel an der nordnorwegischen Küste in der Nähe von Vardø, liegt auf dem 70. Breitengrad und trägt einen Leuchtturm aus dem Jahr 1994 — einen der modernsten Norwegens, errichtet als Ersatz für eine frühere Anlage. Die Insel selbst ist bekannter als Seevogelreservat: Trottellumme, Tordalk, Papageientaucher und Dreizehnmöwe nisten an den Steilhängen. Im Winter kann das Umland der Insel zufrieren, und Treibeis aus der Barentssee driftet in den Varangerfjord. Der Leuchtturm operiert ganzjährig; in den langen Winternächten ist sein Licht manchmal das einzige sichtbare von der Küste aus.

Bjørnøya, Bäreninsel (Norwegen/Svalbard)

Die Bäreninsel (Bjørnøya), auf halbem Weg zwischen dem norwegischen Festland und Spitzbergen gelegen, trägt einen norwegischen meteorologischen Posten und ein aktives Leuchtfeuer. Die Insel liegt auf dem 74. Breitengrad und ist eine der abgelegensten bewohnten Inseln der Welt; Versorgungsschiffe kommen mehrmals pro Jahr. Das Leuchtfeuer ist wegen der strategischen Lage der Insel im Kontext der Nordmeer-Schifffahrtsrouten wichtig.

Die meteorologische Station auf Bjørnøya liefert Daten, die für Wettervorhersagen in der gesamten Arktis wesentlich sind. Die Kombination von Leuchtturm und Wetterstation ist für viele arktische Posten typisch: Die Abgelegenheit macht es sinnvoll, mehrere Funktionen an einem einzigen bemannten Standort zu bündeln.

Cape Race und Nordatlantik-Arktis

Cape Race, Neufundland, liegt zwar nicht im engeren Sinn in der Arktis, aber der Standort ist von arktischen Bedingungen geprägt: Eisberge, die vom Labrador-Strom getragen werden und im April und Mai die Schifffahrtsrouten südlich von Neufundland kreuzen; Schiffseis (pack ice), das in strengen Wintern weit nach Süden treibt; Nebel, der durch das Aufeinandertreffen des warmen Golfstroms und des kalten Labradorstroms entsteht und zu den dichtesten und häufigsten auf dem Nordatlantik zählt.

Der Leuchtturm Cape Race (1907, 29 Meter, Lichtcharakter: Gruppenblitz weiß, Tragweite 28 Seemeilen, First-Order-Hyper-Radial-Fresnel-Linse — eine der größten jemals gebauten) operiert unter diesen Bedingungen seit über einem Jahrhundert. Er ist in Teilen als Besucheranlage zugänglich; die Fresnel-Linse, gewaltig in ihrer Größe, ist noch am Originalstandort zu sehen.

Kap Arkticheskiy, Russland

Das nördlichste Kap des asiatischen Kontinents, Kap Arkticheskiy auf der Insel Komsomolets (Severnaja Semlja), trägt eine russische meteorologische und Navigationsstation. Diese extrem abgelegenen russischen Arktis-Stationen — auf Novaja Semlja, auf dem Franz-Josef-Land-Archipel, auf den Neusibirischen Inseln — kombinierten über Jahrzehnte Leuchtfeuer, Funkstationen, Wetterbeobachtung und militärische Radarposten. Viele dieser Stationen wurden nach dem Ende der Sowjetunion aufgegeben; Leuchtfeuer, die zuvor zuverlässig gewartet worden waren, erloschen.

Russland hat seit den 2010er Jahren begonnen, einige dieser arktischen Stationen zu reaktivieren, teils mit autonomen Solarpanel- und Windenergiesystemen, die ohne dauerhafte Besatzung auskommen.

Grönland und die dänische Arktis

Grönland, die größte Insel der Welt und größtenteils von Eis bedeckt, hat eine lückenhafte Leuchtturm-Infrastruktur, die der extremen Abgelegenheit der meisten Küstenabschnitte entspricht. Die Dänische Maritime Behörde (Søfartsstyrelsen) betreibt Leuchtfeuer an den wenigen zugänglichen Häfen — Nuuk (Godthab), Sisimiut, Ilulissat — sowie automatische Lichtbaken auf einzelnen exponierten Kaps. Ilulissat liegt am Ausgang des Jakobshavn-Gletschers, aus dem die Eisberge kalben, die den Nordatlantik befahren; die Leuchtfeuer dort operieren in einer Umgebung, in der sich der Meereshorizont ständig mit treibendem Eis verändert.

Die Nordostpassage und ihre Leuchtfeuer

Seit dem ersten kommerziell nutzbaren Durchgang der Nordostpassage (nördlich von Sibirien) in den 2010er Jahren hat das Interesse an den russischen Leuchtfeuer-Standorten entlang dieser Route zugenommen. Russland hat die Nordseeroute (Sevmorput') stets militärisch und zivil überwacht; Leuchtfeuer, Funkstationen und Radaranlagen waren entlang der Küste Sibiriens verteilt, viele auf unbewohnten Inseln oder Kaps, wo Helikopter die einzige Verbindung zur Außenwelt bildeten.

Technische Besonderheiten arktischer Leuchttürme

Arktische Leuchttürme erfordern besondere Lösungen. Die Optik muss beheizt werden, damit Eis und Kondensation die Lichtabgabe nicht beeinträchtigen; die Heizung selbst muss zuverlässig funktionieren, weil ein Ausfall bei minus 40 Grad innerhalb von Stunden zum vollständigen Versagen der Mechanik führt. Türme werden aus Stahl oder besonders kälteresistenten Legierungen gebaut; Beton, der bei Frost und Tau-Frost-Zyklen besonders leidet, wird wenn möglich vermieden.

Solarenergie, die tagsüber im arktischen Sommer reichlich vorhanden ist, steht im arktischen Winter wochenlang nicht zur Verfügung. Windenergie, an arktischen Kaps oft reichlich vorhanden, hat sich als zuverlässigere Alternative erwiesen; hybride Wind-Solar-Batterie-Systeme versorgen viele automatische arktische Stationen.

Die Schifffahrt durch arktische Gewässer nimmt mit dem Klimawandel zu; die Leuchttürme an der Nordostpassage und der Nordwestpassage gewinnen damit praktische Bedeutung, die ihnen lange fehlte. Die Geschichte der polaren Leuchttürme ist noch nicht abgeschlossen.