Leuchttürme an Binnengewässern und Seen
Ein Meer im Inneren des Kontinents
Die Großen Seen Nordamerikas – Superior, Michigan, Huron, Erie und Ontario – sind keine Seen in dem Sinne, den man aus dem deutschen Sprachraum kennt. Superior allein ist mit einer Fläche von 82.100 Quadratkilometern größer als Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Auf Superior können sich Wellen von sechs Metern aufbauen; Stürme entstehen innerhalb von Stunden und überraschen selbst erfahrene Schiffsführer. Die Navigationsgefahren – Untiefen, felsige Punkte, enge Kanäle zwischen den Seen – sind in ihrer Wirkung auf die Seefahrt denen an der Meeresküste vergleichbar.
Deswegen haben die Großen Seen ein dichtes Netz von Leuchtfeuern entwickelt. Insgesamt stehen oder standen mehr als 400 Leuchttürme an den Ufern und Inseln der Großen Seen – mehr als an der gesamten amerikanischen Atlantikküste. Die ersten wurden in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts errichtet, als Handelsrouten in das Innere des Kontinents erschlossen wurden.
Split Rock und die Eisenerzroute
Der Split Rock Lighthouse am nördlichen Ufer des Lake Superior in Minnesota ist wohl der bekannteste der Großen-Seen-Leuchttürme. Er wurde 1910 auf einem 30 Meter hohen Steilhang über dem See errichtet, nachdem im November 1905 ein einziger Sturm 29 Schiffe beschädigte oder versenkte. Der Oktagonale Turm ist 22 Meter hoch; kombiniert mit dem Steilhang steht das Licht 53 Meter über dem Wasserspiegel und hat eine Reichweite von 22 Seemeilen.
Split Rock bewachte die Eisenerzroute vom Duluth Harbor zu den Stahlwerken am Lake Erie und Lake Ontario. Die Schiffe, die diese Route befuhren – lange, flache Bulk Carrier, die speziell für die Großen Seen gebaut wurden und nirgends sonst fahren könnten – fuhren am nördlichen Superior-Ufer entlang und passierten Split Rock jede Saison Dutzende Mal. Der Leuchtturm wurde 1969 außer Betrieb gestellt, weil Radar und verbesserte Navigation ihn überflüssig gemacht hatten. Heute ist er ein Minnesota State Historic Site und gehört zu den meistbesuchten Leuchttürmen der USA.
Whitefish Point und das Wrack der Edmund Fitzgerald
Am östlichen Ende des Lake Superior steht der Whitefish Point Lighthouse – mit Baujahr 1849 und Wiederherstellung 1861 einer der ältesten aktiven Leuchttürme an den Großen Seen. Whitefish Point liegt am Beginn der gefährlichsten Passage des Superior, dem „Graveyard of the Great Lakes". Die Küstenregion östlich und nördlich davon ist für plötzliche Herbststürme bekannt.
Am 10. November 1975 sank die Edmund Fitzgerald, ein 222 Meter langes Erz-Trägerschiff, in einem Sturm auf dem Lake Superior, etwa 27 Kilometer östlich von Whitefish Point. Alle 29 Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Das Wrack liegt auf dem Seegrund in 160 Meter Tiefe. Der Leuchtturm am Whitefish Point leuchtet noch immer; das dazugehörige Museum widmet sich der Geschichte der Schifffahrtskatastrophen auf dem Superior. Das Lied von Gordon Lightfoot – „The Wreck of the Edmund Fitzgerald" aus dem Jahr 1976 – hat das Schicksal des Schiffes in der amerikanischen und kanadischen Erinnerungskultur verankert.
Stannard Rock: die entlegenste Insel der Großen Seen
Wenn es einen Offshore-Leuchtturm der Großen Seen gibt, der mit den Felsenleuchttürmen des Atlantiks verglichen werden kann, ist es Stannard Rock. Das Riff liegt 40 Kilometer südlich des Superior-Südufers und taucht aus dem See auf wie ein atlantisches Riff – umgeben von tiefem Wasser, von Land aus nicht zu sehen. Der 1882 fertiggestellte Turm steht auf einem gemauerten Fundament, das direkt auf dem Riff ruht. Er ist 33 Meter hoch; das Licht steht 34 Meter über dem Wasserspiegel.
Stannard Rock war bis 1961 besetzt; es galt als härtester Dienstort der United States Lighthouse Service, später des Coast Guard-Leuchtturmsdienstes. Die Keeper litten unter extremer Isolation und Winterbedingungen, die am Superior besonders hart sind – der See friert in kalten Wintern teilweise zu, was Versorgungslieferungen extrem erschwerte.
Der Caspian See und das Kaspische Meer
Abseits der Großen Seen gibt es weitere Binnenseen mit eigenen Leuchtturmsystemen. Das Kaspische Meer – geologisch ein abgetrennter Rest eines urzeitlichen Meeres – ist mit einer Fläche von 371.000 Quadratkilometern das größte geschlossene Gewässer der Welt. Die aserbaidschanische, russische, kasachische, turkmenische und iranische Küste ist mit Navigationshilfen bestückt; in Baku haben sich historische Leuchtturmstrukturen aus der Öl-Boomindustrie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erhalten.
Der Aralsee, früher der viertgrößte Binnensee der Welt, hatte eigene Leuchttürme an seinen zentralasiatischen Ufern – heute stehen einige dieser Türme weit im Landesinneren, da der See seit den 1960er Jahren durch Bewässerungsentnahmen auf einen Bruchteil seiner früheren Fläche geschrumpft ist. Die Türme sind zu unfreiwilligen Denkmälern des Klimawandels und der Wasserpolitik des 20. Jahrhunderts geworden.
Der Bodensee: ein deutschsprachiges Beispiel
Im deutschsprachigen Raum ist der Bodensee das bekannteste Beispiel für Binnenschifffahrt mit regulierten Leuchtzeichen. Die Schifffahrt auf dem Bodensee unterliegt den Bodensee-Schifffahrts-Ordnung, und eine Reihe von Leuchtfeuern, Tonnen und Baken markieren die Fahrrinnen, Häfen und Gefahrenstellen. Die Leuchttürme am Bodensee sind kleiner als ihre Meeresäquivalente – der See ist nicht tief, Wellen sind begrenzt – aber ihre Funktion ist identisch: Schiffe sicher in Häfen führen und vor Untiefen warnen.
Der Leuchtturm in Lindau am Bayerischen Bodenseeufer ist einer der bekanntesten Leuchttürme Bayerns. Er wurde 1856 errichtet, ist 33 Meter hoch und leuchtet täglich – eine Touristenattraktion und ein aktives Navigationsmittel in einem.
Die vollständige Verteilung der Binnenwasserleuchttürme weltweit lässt sich auf der interaktiven Karte erkunden – von den Großen Seen bis zu den nordischen Seenlandschaften Finnlands und Schwedens.
Die Großen Seen heute
Die Großen Seen werden heute von einem Mix aus USCG-betriebenen Leuchtfeuern, privaten Hafen-Leuchttürmen und historischen Denkmälern markiert. Der US Coast Guard District Nine mit Sitz in Cleveland ist für die Seezeichen auf dem amerikanischen Teil der Seen zuständig. Auf kanadischer Seite ist die Canadian Coast Guard verantwortlich. Beide Behörden haben in den vergangenen Jahrzehnten viele Leuchttürme außer Betrieb genommen oder auf unbemannte automatische Systeme umgestellt – während andere unter Heritage-Schutz gestellt und restauriert wurden.
Die Saison auf den Großen Seen dauert von Eissauflösung im Frühjahr bis zum Zufrieren im Winter. Der November ist berüchtigt für seine schnellen Sturmsysteme – genau das, was die Edmund Fitzgerald und Dutzende andere Schiffe in Schwierigkeiten brachte. Dass das Netz der Leuchtfeuer noch immer aktiv ist, hat in dieser Jahreszeit seine volle Bedeutung.