Bell Rock und Skerryvore
Riffe unter der Nordsee
An der schottischen Ostküste, elf Seemeilen vor Arbroath in der Nordsee, liegt ein Sandsteinriff, das bei Ebbe kaum einen Meter aus dem Wasser ragt. Schiffsleute nannten es Inchcape, Mönche nannten es Bell Rock — angeblich weil ein Abt des 14. Jahrhunderts eine Glocke auf dem Riff anbrachte, um Seeleute zu warnen. Was immer an dieser Legende wahr ist, das Riff selbst ist keine Legende: Zwischen 1799 und 1810 gingen dort eine nicht genau bekannte, aber erhebliche Zahl von Schiffen verloren, darunter im Dezember 1799 das britische Kriegsschiff HMS York mit 491 Mann Besatzung.
Weiter westlich, auf einem Granitsockel zwölf Seemeilen südwestlich von Tiree im Inneren Hebridenmeer, liegt ein zweites Riff. Skerryvore — 'großes Skär' im Gälischen — war so exponiert, so weit von jeder Küste entfernt, dass kein Schiff ohne akute Gefahr in seiner Nähe ankern konnte. Die Stevensons würden es als die schwierigste Baustelle beschreiben, der sie je begegnet waren.
Robert Stevenson und der Bell Rock
Robert Stevenson, Ingenieur des Commissioners of Northern Lighthouses und Großvater des Romanautors Robert Louis Stevenson, begann 1807 mit dem Bau des Bell Rock Lighthouse. Die Herausforderung war extremer Art: Das Riff liegt unter Wasser außer bei den niedrigsten Gezeiten, wenn es für knapp zwei Stunden teilweise exponiert ist. Bauarbeiter mussten per Boot angefahren werden, konnten nur in diesen kurzen Fenstern im Gezeitenbereich arbeiten, und mussten bei aufkommendem Swell sofort evakuiert werden.
Stevenson hatte das Vorbild von John Smeaton's drittem Eddystone-Turm vor Augen: einen Zylinder aus verzahnten Granitblöcken, die ohne Mörtel durch ihre eigene Geometrie zusammengehalten werden. Bell Rock ist 35 Meter hoch, 13 Meter im Durchmesser an der Basis, und verbraucht insgesamt 2.835 Kubikmeter Granit und Sandstein. Die untersten Schichten wurden ohne Mörtel gesetzt, lediglich durch genau zugehauene Schwalbenschwanzverbindungen gesichert. Erst ab einer bestimmten Höhe über dem Hochwasserniveau kam hydraulischer Mörtel zum Einsatz.
Die Bauarbeiter lebten auf einem schwimmenden Wohnschiff, der Smeaton, die in der Nähe des Riffs verankert lag. Bei Sturm mussten alle das Riff verlassen und an Bord warten, manchmal tagelang. Insgesamt dauerte der Bau vier Sommer; am 1. Februar 1811 leuchtete Bell Rock zum ersten Mal. Das heutige Licht ist Fl(3) W 30s und trägt 18 Seemeilen. Bell Rock ist der älteste noch in Betrieb befindliche Felsenturm der Welt.
Alan Stevenson und Skerryvore
Robert Stevensons Sohn Alan übernahm 1834 den Auftrag, Skerryvore zu bebauen. Er war 26 Jahre alt und hatte noch keinen großen Turm gebaut. Was er in den nächsten sieben Jahren leistete, wird von Ingenieuren bis heute als das ästhetisch vollendetste und technisch rigideste Felsenturmwerk der Geschichte gewürdigt.
Skerryvore stellte Bell Rock in mehrfacher Hinsicht in den Schatten. Das Riff ist aus grobkörnigem Gneis — kein Sandstein, sondern Urgestein von enormer Härte, das präzise zugehauene Blöcke erschwerte. Die Entfernung von der Küste machte den Materialtransport aufwendiger: Alan Stevenson baute zunächst eine Barackenhütte auf dem Riff selbst, die im ersten Winter von einem Sturm vollständig weggespült wurde. Im zweiten Anlauf errichtete er auf der Insel Hynish, 14 Seemeilen entfernt, einen Steinhauerhafen und ein Arbeitslager mit eigenem Leuchtturm zur Navigation.
Der Turm misst 48,5 Meter von der Basis bis zur Laternenkammer — dreizehn Meter höher als Bell Rock. Der Schaft ist hyperbolisch, d.h. er wölbt sich leicht nach innen: breiter an Basis und Laternenkopf, schlanker in der Mitte. Diese Form verteilt dynamische Belastungen durch Sturmwellen optimal. Alan Stevenson hatte die Kurve mathematisch berechnet, bevor ein einziger Stein gesetzt wurde. Das Ergebnis ist ein Turm von klassischer Eleganz, der Robert Louis Stevenson zu dem Satz inspirierte: 'the noblest of all extant deep-sea lights.'
Skerryvore leuchtete erstmals am 1. Februar 1844. Das Licht Fl W 10s trägt 23 Seemeilen. 1954 beschädigte ein Feuer das Innere des Turms schwer; er wurde repariert und modernisiert, behält aber seinen ursprünglichen Granitschaft. Die Automatisierung erfolgte 1994.
Ingenieurliche Erbe
Beide Türme stehen auf demselben Grundprinzip: kein Pfahlbau, keine Schwimmfundamente, sondern massives Mauerwerk, das durch Geometrie und Gewicht dem Ozean trotzt. Die verzahnten Blöcke sind in konzentrischen Ringen versetzt, sodass keine vertikale Fuge durch mehrere Schichten durchläuft — ein Riss, der sich in einer einzigen Schicht entwickelt, kann nicht in die nächste eindringen.
Das praktische Ergebnis dieser Bauweise zeigt die Geschichte. Bell Rock hat seit seiner Fertigstellung 1811 keinen strukturellen Schaden durch Welleneinwirkung erlitten, obwohl Winterstürme den Turm regelmäßig bis zur Laternenkammer überfluten. Messungen von Meereswellendrücken an vergleichbaren Türmen ergaben Kräfte von über 30 Tonnen pro Quadratmeter. Die Stevensons bauten für diese Kräfte, bevor Ingenieure sie messen konnten.
Die Schiffsunglücke, die den Bau beider Türme motivierten, hörten mit ihrer Inbetriebnahme weitgehend auf. Kein Schiff ist seit 1811 auf dem Bell Rock gestrandet. Kein Schiff ist seit der Fertigstellung von Skerryvore 1844 auf dem Riff gesunken. Das ist das Maß dieser Leistung.
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